| Call Wolfgang - Medienkunst gegen Innenminister |
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| Dienstag, 30 Dezember 2008 | |
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Für viele Bürgerrechtler war 2008 ein schwarzes Jahr: Neue Sicherheitsgesetze wurden verabschiedet, allen voran das neue BKA-Gesetz, mit dem das Bundeskriminalamt erstmals auch das Recht bekommt, über das Internet so genannte Online-Durchsuchungen durchzuführen – und mit dem außerdem das Zeugnisverweigerungsrecht für Ärzte und Journalisten deutlich eingeschränkt wird. Zum Jahresende läuft auch eine Übergangsfrist bei der Vorratsdatenspeicherung aus. Ab 1. Januar müssen alle Internet-Anbieter die Verbindungsdaten ihrer Kunden 6 Monate lang speichern. Egal ob die irgendetwas getan haben oder nicht. Ein Berliner Medienkünstler wehrt sich gegen diesen Trend mit einer neuen Internet-Installation. Ein Beitrag für das Kulturradio MDR Figaro, gesendet am 30. Dezember 2008.
Höchst verdächtig sind die Geräusche, die seit ein paar Wochen aus der Wohnung des jungen Berliner Komponisten Johannes Kreidler nach außen dringen. Sie stammen von der neuen Installation des Musikers: Zwei Computer, ein PC und ein alter Laptop, die über das Internet miteinander telefonieren. "Das habe ich eben so eingerichtet, dass abwechselnd die Sprachsynthesizer immer Wörter sprechen, die eben gemischt sind aus unverständlichem Gebrabbel, das ich eben per Zufallsgenerator hergestellt habe. Und dann kommen eben solche Schlagwörter die schon das BKA mal gereizt haben, jemanden zu observieren." Immer wieder fallen Worte wie "Bombe", "Anschlag" oder "Koranverse" - aber auch vergleichsweise harmlose Begriffe wie "marxistisch-leninistisch". Der US-Geheimdienst NSA durchsucht seit Jahren alle Auslandstelefonate von und nach Amerika auf solche Schlagworte. Ganz automatisch per Computer werden so Millionen Telefonate abgehört. Fällt eines der Suchworte, wird das entsprechende Gespräch genauer ausgewertet. Die Internet-Installation mit dem frechen Titel "Call Wolfgang" - also etwa "Ruf Wolfgang an!" - müsste also bei den Sicherheitsbehörden alle Alarmglocken schrillen lassen."Ob das BKA wirklich mich abhört, ist vielleicht eher unwahrscheinlich, nachdem das jetzt schon derart publik geworden ist. Aber das Hauptanliegen ist eigentlich, Leute dafür zu sensibilisieren und Diskussionen dafür in Gang zu bringen." Außerdem ist in Deutschland eine solche Rundum-Überwachung offiziell verboten. Doch für Medienkünstler Kreidler gehen schon die Sicherheitsgesetze der letzten Jahre viel zu weit. "Für mich ist es noch einigermaßen erträglich, dass Kameras an Bahnhöfen stehen. Aber dass das jetzt auch in die eigenen vier Wände eindringt, eben die Überwachung von Telekommunikationsvorgängen, eben auch im Internet wie E-Mails versenden. Das geht mir entschieden zu weit." Schließlich lässt sich mit Hilfe der gespeicherten Daten sechs Monate lang nachvollziehen, wer wann wo im Internet gesurft hat, oder wer an wen eine E-Mail geschickt hat. Bei Handytelefonaten wird sogar gespeichert über welchen Funkmast ein Gespräch geführt wurde. Damit lässt sich der Standort in den meisten Fällen auf wenige hundert Meter genau ermitteln. Per Computer lassen sich so Bewegungsprofile erstellen, und der Weg eines Verdächtigen über Monate nachzeichnen. Dass Polizei und Geheimdienste sich über den Zugriff auf solche Daten freuen, kann Kreidler schon verstehen. "Aber es gab in den letzten Monaten auch mehrere Fälle, bei denen solche Daten in die falschen Hände geraten sind. Und die Gefahr ist viel zu groß, meines Erachtens, dass damit dann Dinge passieren, die vielleicht erstmal so nicht beabsichtigt waren, aber Daten sind eben leicht weiterkopiert." Tatsächlich warnen Datenschützer vor einer neuen Mafia, die beispielsweise in den Handydaten nach Material für eine Erpressung sucht – schließlich hat fast jeder Mensch kleine Geheimnisse, die nicht an die Öffentlichkeit gehören. Bisher steht die Installation übrigens noch ein wenig verlassen auf einem Tisch in einem Nebenzimmer von Kreidels Wohnung in Berlin und lässt sich nur über das Internet anschauen. Im kommenden Jahr soll "Call Wolfgang" aber auch öffentlich ausgestellt werden. Außerdem will der Hessische Rundfunk die Idee zu einem Hörspiel ausbauen. "Wie genau das da dann aussieht, das weiß ich noch nicht. Das wird schon bestimmt wieder mit Sprachsynthesizern zu tun haben und mit zuhören, abhören und weghören, solchen Dingen. Da darf man mal gespannt sein." |
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